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Coronöser Balsam – Tansmans Bric-à-brac

Coronöser Balsam – Tansmans Bric-à-brac

In “The Almonac“ stellt Henrik Almon, Library Manager bei Ricordi Berlin, hörenswerte Werke aus dem schier unerschöpflichen Repertoire der Verlagsgruppe vor, die bislang auf den Spielplänen der großen Bühnen und Orchester eher seltener vorkommen.

In den beiden ersten Märzwochen dieses Jahres weilte ich noch auf einem Wanderurlaub im Norden Portugals, die Corona-Krise erschien noch fern, ich vernahm sie lediglich als zwar unangenehmes doch leises Rauschen aus den Medien. Auf der Rückfahrt mit dem Zug über Paris, wo ich das letzte Wochenende verbrachte und in vollen Cafés und Bars über die dort gerade stattfindenden Bürgermeisterwahlen schwadronierte, kam es zum rasenden unheilvollen Crescendo der sich anbahnenden Pandemie. Am Tag vor der verhängten Ausgangssperre in Frankreich schlenderte ich zunächst noch weltvergessen über den großen marché aux puces im Norden der Stadt, um kurz darauf mit einem der letzten fahrenden TGVs die deutsch-französische Grenze zu überqueren. Ich fand abends in Berlin eine sich in den zweieinhalb Wochen meiner Abwesenheit vollkommenen veränderte Lebens- und Arbeitsrealität vor. Ohne das Universal Music Hauptgebäude noch einmal zu betreten, begann der nächste Arbeitstag dann auch holprig morgens mit Laptop im heimischen Wohnzimmer und ich realisierte etwas spät, dass sich, wenn alle Konzerthäuser, Opern, Universitäten und Schulen geschlossen sind, natürlich zwangsläufig in der Zeit meiner Abwesenheit auch der Konzertkalender unserer Leihmaterialbibliothek ziemlich geleert hatte.

Auch nun, einige Wochen später, kann von Normalität noch lange keine Rede sein und die letzten Stunden in Paris bleiben wohl meine vorerst letzten Reiseerinnerungen. C’est la vie, denke ich seufzend und wie es der Zufall will, stoße ich plötzlich bei einer alltäglichen Recherche bezüglich diverser Varianten von Opernauszügen in abstrusen Tonarten auf ein fast vergessenes Ballett von Alexandre Tansman, in dem dieser einen Spaziergang über den marché aux puces musikalisch illustriert. Den Titel dieses Werkes aus dem Jahr 1935 lautet Bric-à-brac. Ballet en 3 tableaux und könnte mit „Krimskrams“ oder „Trödel“ übersetzt werden. Erschienen ist das Werk bei Max Eschig.

Bis auf eine CD-Produktion mit den Bamberger Symphonikern im Jahr 2000 scheint mir dieser Titel in den letzten Jahrzehnten allerdings leider nicht aufgeführt geschweige denn vertanzt worden zu sein. Und wenn sich die vom VAN Magazine aufgestellten 19 Thesen über die Zeit der Klassikindustrie nach der Corona-Pandemie bewahrheiten sollten, dürften es Titel mit geringerem Bekanntheitsgrad als Beethovens „Ode an die Freude“ in den Konzertprogrammen der Orchester und Opernhäuser nach der Krise wohl noch schwerer haben als sonst.

Und dabei könnte Tansmans Bric-à-Brac mit seiner phantasievollen und dabei stets eingängigen Musikalität einen ziemlich catchy Wiedereinstieg des Publikums in die Welt der Orchestermusik bieten. In seinem Revue-artigen Charakter finden sich gefühlvolle romantische Episoden, die an Ballett-Klassiker wie Tchaikovskys „Nussknacker“ gemahnen, genauso wieder, wie spritzige Anleihen aus dem Jazz und der Popularmusik der 1920er und 1930er Jahre.

Vielleicht ist sogar die unbedingte Eingängigkeit mit ein Grund, weshalb es das Werk nicht ins gerne mit „ernsthaft“ etikettierte Standartrepertoire geschafft hat. Im direkten Vergleich mit Werken seines ebenfalls nach Paris emigrierten Zeitgenossen Igor Stravinsky wirken die Werke Alexandre Tansmans häufig bedeutend verspielter und, ja, unterhaltsamer.

Doch diese vordergründige Leichtigkeit macht gerade den Charme von Bric-à-Brac aus: So schwingt etwa hinter einer schwärmerischen Walzermelodie, wie sie kurz vor dem Finale des Werkes erklingt, fett orchestriert zu einem emphatischen Höhepunkt hinspielend, immer auch ein schelmischer Unterton mit. Die chromatisch durchdudelnden Begleitstimmen sind dann doch einen Tick zu chromatisch, um nicht irritierend aufzufallen. Es ist aber keine bitterböse kalte Ironie, wie sie Stravinsky bisweilen inszeniert. Vielmehr scheint es bei Tansman ein unmerkliches Grinsen im Hintergrund zu geben, in dem sich das Wissen ausdrückt, leicht über das Ziel hinausgeschossen zu sein. Es ist eine liebevolle, eine warme Ironie.

Listen to  Bric-à-Brac 




Im zweiten Drittel der Suite spielt eine Trompete beispielsweise vertrackte Rhythmusschleifen, versetzt mit Big-Band-artigen Riffs, die sich immer wieder überraschend um einige Achtel- oder Viertelnoten verschieben. Niemals vollständig aus dem Ruder laufend oder gar verstörend, wie die Rhythmuseskapaden Stravinkys, aber doch dazuführend, dass man beim swingenden Mitwippen immer wieder überrascht ins Leere wippt. Deutliche jazzige Reminiszenzen liefert später auch noch ein Mini-Klarinettensolo inklusive Fake-Impro (da ausnotiert), welches kurz im musikalischen Verlauf auf- und dann schnell wieder abtaucht.

Tansmans Ballett offenbart einen nostalgisch verklärten Blick auf die verblichenen Artefakte vergangener Zeiten – und thematisiert gleichzeitig den Spaziergang über den marché aux puces selbst. Die rasche Abfolge musikalischer Stimmungen, vor allem das Nicht-Verweilende, im Vorübergehen beiläufige Erfassen, gerät zur Hommage an den Flaneur, der sich seine Distanz zum Geschehen stets bewahrt. Alles in allem also très parisien, der Tansman, so finde ich. Irgendwie scheinen es im zwanzigsten Jahrhundert interessanterweise häufig dessen unzählige Immigranten und Emigranten zu sein, die mir in ihren Werken die Illusion vermitteln, nun gerade einen wirklich wahrhaftigen Blick auf einen bestimmten lokalen Ort zu erhaschen. Vielleicht begünstigt ja die Erfahrung von Fremdheit eine künstlerische Ausdruckskraft, die es schafft, bei unterschiedlichstem Publikum doch ein ganz ähnliches Gefühl von Vertrautheit zu evozieren.

Wobei man fairerweise im Falle von Tansman und Paris noch hinzufügen sollte, das er, 1897 in Łódź geboren, bereits 1920 vom Warschauer Konservatorium nach Paris übersiedelte und dort abzüglich eines sechsjährigen Exils in den USA, in welche er vor dem Nationalsozialismus und dem zweiten Weltkrieg flüchtete, bis 1986 lebte. Insgesamt 60 Jahre, vielleicht länger als so mancher Pariser selbst in seiner Stadt gelebt hat.

Doch zurück in die, zumindest für mich, nun erst einmal leider parisfreie akute Corona-Epoche. Jetzt, wo mein Einstieg ins pandemiekonforme Arbeitsleben schon einige Wochen zurückliegt, sich eine gewisse Routine im Abarbeiten von Konzertabsagen bei mir gebildet hat und sich die Gewissheit breit macht, dass der momentane Zustand voraussichtlich noch einige Zeit so weitergehen wird, ist auch mein Blick auf die Welt der Orchestermusik bereits ein nostalgischer geworden. Es ist derselbe Blick, mit dem ich in meinen letzten Urlaubstagen durch den marché aux puces geschlendert bin. Verstreut zwischen allerlei Krimskrams, Ersatzteilen für defekte Haushaltsgeräte und billigen Kopien teurer Markenkleider tauchte immer wieder überraschend ein kleiner Schatz auf. Vielleicht mit einigen Macken versehen und aus dem ursprünglichen Kontext gerissen, doch ohne Frage mit immer noch besonderer Ausstrahlung und Anziehungskraft. Nun flaniere ich (teils nicht minder wahllos) also nur noch durch das Internet und finde, ganz in tansmanscher Seelenverfassung, doch immer wieder versprengte Schnipsel vergangenen Konzertlebens auf Nachrichtenseiten, Youtube oder Facebook, teils Souvenir, Tand und Kostbarkeit zugleich.

Bric-à-Brac

ballet
3.2.2.2.1 – 4.3.3.1 timb.4 perc  pf.cel  strings
Dauer: ca. 30 min.





Über den Autor

Henrik Almon ist seit 2013 für die Leihabteilung von Ricordi Berlin zuständig. Auf der Suche nach dem richtigen Notenmaterial wühlt er sich seitdem immer wieder durch die labyrinthischen Verästelungen zweihundertjähriger Verlagsgeschichte, quer durch Europa verteilte Notenarchive, analoge und digitale Datenbanken sowie kryptische Mitteilungen über versandte Paketzustellungen.

Vor seinem Leben bei Ricordi hat Henrik Almon rechtschaffen eine kaufmännische Ausbildung absolviert, bevor er sich in die akademischen Tiefen der Musik-, Medien und Literaturwissenschaft begab. Das Studium führte ihn von Weimar und Jena über Paris nach Brasilien, wo er einige Zeit als Klavierlehrer arbeitete. Anhaltende Begeisterung für brasilianische Komponisten mündete in seiner 2018 abgeschlossenen Dissertation zum Thema „Diskurse über Kunstmusik in Brasilien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“. Außerhalb von Ricordi spielt er nach wie vor inbrünstig Geige in einem der zahlreichen Berliner Uni-Orchester.


Weitere Ausgaben von The Almonac

Venezianische Visionen? – Stravinskys Le Roi des Étoiles

Fragile Reife – Zemlinskys Symphonie in d-Moll


Titelbild: Durand Salabert (Tansman), Marie-Louise James (The Almonac)